Sardinien … ein Smaragd !

Mai 13, 2011 at 12:13 pm 1 Kommentar

Auf geht es nach Sardinien und Korsika zum Segeln… hier eine nette Beschreibung von Ulla Schmitz über diese interessante Insel…

Sardinien jenseits der Costa Smeralda

Es war einmal eine Küste, schön und klar wie ein Smaragd, la costa smeralda. Sanft umspielten die Wellen des Mittelmeeres ihre Peripherie, legten den hellgolden scheinenden Sandstränden weiße Krägen um – und da sich daran nichts geändert hat, lebt die Costa Smeralda so weiter. Wenngleich das Hinterland im Osten Sardiniens mit dem Ausbau der Küste zu einer Tourismusenklave deutlich umgestaltet wurde. Warum aber dies dem Gesamtbild der „wilden Insel“ nur marginale Veränderungen zufügte, weiß Ulla Schmitz zu erzählen. Und so ganz nebenbei erfahren wir von einer Liebe, einer ewigen.

 „Dieser alte Sack“, ereifert Tonio sich, „wenn der bei uns zu Hause wäre, wüssten wir genau, was mit dem zu tun ist!“ Der junge Kellner in einer Bar am Yachthafen von Porto Cervo hat übrigens eine deutlich eindrucksvollere Bezeichnung für den „alten Sack“ gewählt, der sich schon morgens um zehn und in Begleitung diverser Damen an einem Tisch räkelt, Champagner spritzend, aufdringlich gestikulierend, und die Kellner wie Sklaven hin und her rennen lässt. Verwunderte Blicke ob seines Ausbruchs pariert Tonio aber gerne mit der Erläuterung seiner Pläne, wäre der Typ bei ihm zu Hause, in der Barbagia: „Man schmiert den Alten, die zu nichts mehr nutze sind, Wolfsmilch um den Mund. Das verzieht die Mundwinkel“, er demonstriert per Grimasse ein sardonisches Lachen, „sodass es aussieht, als ginge es ihnen gut und dann stößt man sie in die nächste Schlucht! Bumm!“

„Tonio! Das ist nicht wahr!“ Der vormittägliche Espressostop bekommt gruselige Züge. „Nein, nun ja“, Tonio windet sich, „aber früher war das so!“

Angepasste Sarden gibt es nicht

Gut, das mag man glauben, denn die Sarden standen noch nie im Ruf, eine angepasste Gesellschaft darzustellen. Das wäre für sie auch eine unehrenhafte Entwicklung, denn „ein Sarde ist ein Sarde und kein Weichei, wie diese Italiener“. Im Übrigen: was meint Tonio mit „früher“? Vor hundert Jahren? Vor achtzig oder auch noch, als 1962 die bis dato spärliche Infrastruktur der Costa Smeralda unter der Ägide des Aga Khan zum meeting point für die Reichen und Schönen auf Vordermann gebracht wurde? „Um diese Zeit ganz sicher noch!“ Tonio gibt sich bestimmt und will einfach nicht locker lassen von der Behauptung, dass derartige „Begräbnisse“ auch heute noch möglich sind, „wenn schon nicht Usus!“

Die Hautevollee geht andernorts an Land

Man mag sich der Sehnsucht nach einer Aufgeklärtheit der kompletten Erdenbevölkerung nur erwehren, weil der Himmel wie an fast jedem Tag eines sardischen Frühsommers strahlendblau ist und von einer Klarheit, die nur ein Himmel über einer Insel haben kann. Außerdem weht der Wind von See so sanft und die Yachten im Hafen liegen ruhig und selbstbewusst als Ausdrücke nobler Überlegenheit. Obschon ihre heutigen Besitzer nicht mehr unbedingt der wirklichen Hautevollee angehören, sondern mithilfe der üblichen Statussymbole nur noch so tun können als ob: Meine Villa, mein Ferrari, mein Schiff, mein Hubschrauberlandeplatz darauf, meine Pferde, mein Pool, meine Frau… Man sieht´s dem „alten Sack“ an und möchte ein wenig Mitleid mit ihm bekommen. Oder doch lieber mit Tonio? Oder gar nicht, indem man der ehemaligen Jet-Set Enklave den Rücken kehrt und sein Badehandtuch einfach in der Bucht von San Antonio, nur ein paar Kilometer südlich, auslegt. Ach ja, und jetzt noch ein bisschen Windsurfen, weil der Wind gerade mal wieder so traumhaft ablandig kommt.

„Sardegna mio amore!“

Endlich ist wieder Ruhe eingekehrt, in meinem liebevollen Verhältnis zur Trauminsel, auf der ich in den Siebzigern einmal eineinhalb Jahre verbrachte, weil meine damalige Welt völlig aus den Fugen geraten war. „Geh nach Sardinien“, hatte ein römischer Freund mir geraten, es war auch damals Frühsommer gewesen, „dort wirst du deine Ruhe haben, nichts als Ruhe.“ Wie Recht er gehabt hatte! Schon nach wenigen Wochen war mein seelisches Gleichgewicht wieder hergestellt, doch die Insel daraufhin zu verlassen, wäre mir nie in den Sinn gekommen. Also verlängerte ich den Mietvertrag des kleinen Hauses oberhalb von Lu Fraili, legte mir ein paar dieser großbauchigen Glasflaschen zu, damit ich vom fahrenden Weinhändler endlich genügend Vorrat direkt von den Fässern auf der Ladefläche seines dreirädrigen Apé kaufen konnte – obwohl ich noch immer den goldfarbenen Vernachia vorziehe, musste ja auch genügend Roter für die Freunde da sein – und fragte im Alimentari von Mamma Lucia nach, ob ich nicht auch bei ihr, genau wie alle anderen Kunden, anschreiben lassen könne. So dass ich nicht für jede Tüte panini und jedes Pfund Oliven und Schinken einen Haufen Lirescheine bei mir tragen müsse. „Certamente“, war ihre Antwort und es klang wie das Besiegeln einer Freundschaft.

Eine Frage der Ehre

Es wurde Sommer, der Duft des Jasmin und der Oleanderbüsche begann, mir den Atem zu nehmen. Ich lernte tauchen und stieß, tief im Bauch unserer Bucht, auf ein paar Amphoren. Natürlich habe ich sie heraus geholt, natürlich liegen sie noch immer auf der Terrasse des kleinen Hauses drapiert. Und natürlich hat kein Mensch je nach einer „Genehmigung für den Besitz archäologischer Funde“ gefragt, zumal es das wahrscheinlich nicht gibt. Schon gar nicht auf Sardinien, wo keine Zeit war, sich um etwas derartig Marginales zu kümmern, wie Don Pavone, der Pfarrer von San Antonio, meinen Kulturdiebstahl nannte. Ging es doch um die Ehre, wieder einmal, und auch in jenem Sommer, als der Sohn eines Mailänder Industriemoguls entführt worden war und, man wusste es auf Sardinien genau, in Orgosolo gefangen halten wurde. So weit, so in der Tradition, erfuhr ich, schließlich waren alle Bewohner dieses Bergdorfes in der Barbagia schon immer Banditen, aber schließlich kämpften sie stets im Rahmen von onore, der Ehre.

Vendetta bedeutet Rache

Dass sie überhaupt kämpften, hatte schon früh mit den Übergriffen festländischer Großgrundbesitzer zu tun, die den Bestand ihrer Latifundien auf die Insel ausdehnen wollte und dabei brachiale Methoden anwandten. Daraus entwickelte sich die etwas krude Weltsicht zu einer politischen Abspaltung Sardiniens vom Festland. Als aber diese Idee schon Anfang des 20. Jahrhunderts selbst in den hintersten Winkeln der Insel nicht mehr diskutabel war, schien der Kampfeswille in die Gene der Orgosoler übergegangen zu sein. Also entführte man jetzt mal diesen mal jenen – Hauptsache reich und vom Festland. Denn den Zorn auf „die Italiener“ konnte man immer begründen: Wenn schon nicht mit deren Methoden des Landdiebstahls, dann aber mit den Ansiedlungen unerwünschter Industrieanlagen auf der Insel, mit den politischen Diktaten aus Rom, mit der Arroganz der Turiner, Römer und Genueser, mit denen jene an jedem Herbstwochenende auf Sardinien einfielen, um auch noch die letzten Wildschweine zu schießen. Dass diese Wochenendvergnügen für so manchen „Italiener“ ein jähes Ende durch eine „verirrte“ Kugel nahmen, steht auf einem anderen Blatt, denn ich bemerke, dass ich abschweife.

Ein abgeschnittenes Ohr als Problemlösung

Also: die Entführung des Großmoguls-Sohn nahm ein nur halbwegs gutes Ende, denn dem Sprössling musste erst ein Ohr abgeschnitten und dem Pappa per Post zugestellt werden, bevor der den Glauben an eine Finte aufgab und zahlte. Monate später hatte Orgosolo richtige Straßen, gerade rechtzeitig noch zum Karneval, der wie immer in einem Rausch von dumpfer, dramatischer Musik, viel, sehr viel Wein und im Schutz verhüllender Masken und Kostüme ekstatisch gefeiert wurde.

Das Ende einer wunderbaren Langeweile

Da lag ein langer Winter hinter uns, der im November mit Schnee auf den Bergen des Gennargentu begann, der sich im April dann endlich zu den ersten warmen Sonnenstrahlen erweichen ließ. Die Monate der Einsiedelei in meinem kleinen Haus in den Bergen von Lu Fraili waren geprägt gewesen von langen Nachmittagen und Abenden vor dem Kamin, den ich mit Stümpfen und Wurzeln alter Weinreben und mit den dünnen Stämmen von Wacholderbüschen aus der Macchia befeuerte. Sie hatten eine Einheit gebildet mit dem Leben meiner Nachbarn aus dem Ort am Fuße der Berge, mit den beiden Familien auf dem Berg jenseits der Schlucht, die uns geografisch trennte und mit Zia Babette und ihrem Sohn Franco. Ihn hatte ich gegen Ende des Sommers kennen gelernt, als ich, angenehm gelangweilt vom Gleichmaß der warmen sonnigen Tage, des Windsurfens, Tauchens und Schwimmens eine Wanderung in die Barbagia in Angriff genommen hatte. Ich war nach Nuoro gefahren und hatte mich dort, bei der Stadtverwaltung, nach einer Route durch das Gebiet erkundigen wollen.

Zoff im Amtszimmer

Das Entsetzen des Amtsinhabers, Bernardo Temesu, hinter seinem zerkratzten Schreibtisch war unüberhörbar – er sagte nämlich so lange nichts, bis ich glaubte, mich nicht deutlich genug ausgedrückt zu haben. Doch, doch, er hätte schon gehört, was ich vorhabe, aber ob ich denn von allen guten Geistern verlassen sei. Eine Frau, ein blonde Frau, eine junge Frau, wolle alleine durch die Barbagia wandern? Sie ahnen, wie der Konflikt geartet war, doch ließ er sich nicht lösen, denn ich wollte wandern, durch die Barbagia, basta. Also schrieen wir uns an, was in sardischen Amtsstuben unbedingt üblich ist, doch bevor ich die Tür knallen und meine Drohung, dann „eben so zu gehen“, wahr machen konnte, lenkte Bernardo ein. Lud mich zum Mittagessen nach Hause ein, stellte mir seine Frau, Zia Babette, vor und bot sich an, mich bis zu einem bestimmten Punkt in der Barbagia zu begleiten. Da würden wir auf seinen Sohn treffen, auf Franco, der sich dort vor dem Militär versteckte und mit ihm könne ich, in Gottes Namen, dann umherwandern, zum Teufel!

Das traumhafte Abenteuer Barbagia

Dass Bernardo mir so viel Vertrauen entgegen brachte, indem er mir das Versteck seines Sohnes anvertraute, ermöglichte mir einige der schönsten Tage auf Sardinien. Es waren bereits zwei vergangen, als mein Begleiter und ich auf einer Anhöhe im Schatten einer riesigen Korkeiche saßen, vor uns ein wild zerklüftetes Tal, in dem Wacholder- und Salbeibüsche, Oleanderbäume und wilder Wein, Korkeichen, Feigen und Oliven so üppig wucherten, dass sie aus der Senke heraus zu quellen schienen, ein fast schon gewohntes Bild. Der Duft der Kräuter war atemberaubend, das Gesumme der Bienen und Hummeln wie die Oktaven einer nicht enden wollenden Musik und die Luft so warm und weich, dass ich mich gerne vor lauter Lebensfreude den Abhang hinunter gekugelt hätte. Wären da nicht die Steine überall gewesen, und Franco, der mich sowieso schrecklich albern fand, weil ich gar nicht aufhören wollte, von der gebirgigen Barbagia, ihren Höhlen und schrundigen Abhängen, ihren verborgenen Korkeichen-Hainen, den Unterschlüpfen der Hirten, in denen wir auch übernachtet hatten, den Schafherden im hohen Gras und diesem Faszinosum Macchia zu schwärmen. „Das sind Büsche, ein paar Bäume und ein Meer von Steinen, so ist es hier doch überall!“

Insel der Steine – Insel der Barbaren

Genau, Sardinien ist die Insel der Steine, sagt man angesichts der unzähligen Quader über die ganze Insel verstreut und fügt hinzu, dass dies dem Zorn Gottes zuzusprechen ist. Weil der nämlich so gar nicht mit der Erschaffung des Appenin zufrieden gewesen war, schickte er eine große Flutwelle, um es dem Zufall zu überlassen, was übrig bleiben würde. Dass diese Sintflut einen Teil vom Festland abspaltete, war eine Sache, dass aber sämtliche Steine mit und auf dem Eiland hinaus ins Mittelmeer gespült wurde, eine andere. Eine, die man Gott bis heute nachträgt. Was sich bis zum 15. und hernach bis zum 3. Jahrhundert vor Chr. auf Sardinien tat, liegt im Dunkel der Zeitgeschichte begraben. Dann allerdings machten sich die ersten der okkupationsbereiten Schergen vom Festland her in Richtung „Insel der Barbaren“ (Barbagia) auf, denn diesen Vorposten hätte man in den Zeiten des antiken Rom allzu gerne als Siedlungsgebiet für die Reichen und Schönen (wie die Geschichte sich doch stets wiederholt!) annektiert. Im Übrigen benötigte man das Holz der Eichenwälder zum Bau von immer neuen Schiffsarmaden. Allerdings ging das mit Okkupieren nicht so einfach, vielmehr ging es gar nicht, da sich die „Barbaren“, sardische Hirten wohl, vehement wehrten. Mit Steinschleudern und aus Festungen heraus, die sie aus den Steinen ihrer Insel aufgeschichtet hatten, Nuraghen genannt

 
 

Entwicklungsmodell Costa Smeralda

 

„Siehst du“, Franco hatte seinen Arm ausgestreckt und als ich an ihm entlang schaute, konnte ich, versteckt im Gestrüpp der Macchia, den Rest einer solchen Wohnburg ausmachen. Und dort hinten noch eine und da und da und dort auch. Und dazwischen die Reihen der schier endlosen Mäuerchen und Mauern, die bis weit über den Horizont hinaus reichen, zusammen gefügt aus Hunderttausenden von Steinen, kleinen und großen. Mauer für Mauer ein parzelliertes Eiland, eine Wehr, gegen die, die nach den ersten Eindringlingen kamen, die mit zahllosen Lirescheinen winkten, denen man zunächst aber nur die Costa Smeralda überließ, wo es beim Bebauen ohnehin nichts zu zerstören gab und wo die Bauern sich gerne vom Joch ihrer kargen Landwirtschaft abwendeten.

Respekt vor Mut

Franco erzählte viel in dieser folgenden Nacht, die wir, Sie ahnen es, in einer Nuraghe verbrachten, Mit Blick in den Sternen übersäten Himmel und dem Klang des Windes in den Ohren, der sich seine Ströme durch das Blättergewirr der Eichen suchte. Später erfuhr ich, dass Nuraghen heilig sind und dass mir deshalb meine Verrücktheiten – wie die, mit einem Hirten durch die Barbagia zu wandern – nach sah. Dass man mir, im Gegenteil, zukünftig deutlichen Respekt entgegen brachte, auch derjenigen, die ich noch nicht einmal kennen gelernt hatte.

Franco, der dicke Käsehändler

Wie der dicke Käsehändler in Castelsardo, der mir die Tür öffnete, noch ehe ich wusste, dass ich seinen Laden betreten würde. Es war am Tag nach meiner Rückkehr aus der Barbagia. Wir waren Nachts in Nuoro angekommen, damit Franco noch vor dem Morgengrauen wieder in die Berge zurück gehen konnte. Schließlich schienen die Spitzel der Regierung vom Festland überall zu sein. Also verabschiedete ich mich nach dem Frühstück von Francos Eltern, stieg in mein Auto und hatte Lust, noch ein wenig über die Insel zu fahren. Castelsardo war nicht weit, ich war noch nicht dort gewesen.

Caruso in Castelsardo

Nebel lag noch über der Stadt, die sich tatsächlich wie eine Burg aus dem auch nicht flachen Umland erhob. Schmal nur die Gassen, die mehrstöckigen Häuser eng aneinander gebaut. Laut hallten die Schritte auf dem Kopfsteinpflaster, Musik drang aus geöffneten Fenstern. Ein voll beladener Esel bahnte sich den Weg an mir vorbei, der Junge, der ihn begleitete, grüßte listig grinsend. Und dann riss der dicke Käsehändler die Tür zu seinem Laden auf. „Signora, Schöne, treten Sie ein!“ Mit ihm war plötzlich ein Duft von Oliven präsent, von pecchorino und exquisit geräuchertem Schinken. „Signora, kommen Sie, auf einen caffé!“ Aus dem Inneren des kleinen Geschäfts ließ sich nun auch die Frau des kugelrunden Händlers vernehmen. „Bernardo aus Nuoro hat uns von dir erzählt!“ Aha, das also war mein Entrée und beim Du waren wir auch schon, sodass sich das Ritual der sardischen Gastfreundschaft in den nächsten Stunden in gewohnter Opulenz entfalten konnte. Wir aßen den frischen pecchorino mit selbst gebackenem Brot, pflückten dazu Weintrauben vom Spalier an der Hauswand, baten Flavio, den dicken Käsehändler, noch ein paar Scheiben hauchdünnen prosciuttos mehr abzuschneiden und schöpften die Oliven mit einer großen Kelle aus dem Fass. Und wir erzählten, ich lauschte, erfuhr, erlebte und auch sie hörten mir zu. Später am Tag ließen wir den espresso in den Tassen kalt werden und weil sich nun auch die Nachbarn zu unserer Runde dazu gesellt hatten, schloss Flavio seinen Laden zu, verschwand schnaufend im Weinkeller und erschien mit einem Arm voller verstaubter Flaschen wieder an der Oberfläche. Noch bevor er sie öffnete ging er erneut im Haus. Man hörte ein Fenster sich öffnen und das Schnarren einer Diamantnadel auf Schellack, bevor die unverwechselbare Stimme des wunderbaren Caruso anhob, uns seine Cantaten zu singen. Krächzend zwar, weil die LP zu den ersten gehört hatte, auf die man die Lieder des großen Tenors presste, doch so unverwechselbar und herzergreifend, dass alle Anwesenden mitsingen mussten – vom Ave Maria über die Arien aus Aida bis hin zum vinchera, was wir besonders kämpferisch schmetterten, denn es war klar, dass wir siegen würden, worüber auch immer. Den Rest der Nacht verbrachte ich im Bett der Tochter, während sie bei Oma schlief – ein Arrangement, das im Laufe der nächsten Jahre zur Gewohnheit wurde.

Zeit ist nicht relevant

Tonio, der junge Kellner aus der Schickmicki-Bar am Yachthafen von Porto Cervo kennt Flavio, den dicken Käsehändler aus Castelsardo und dessen Tochter auch, „die so schön ist, dass sie schneller verheiratet war, als die anderen Männer gucken konnten!“ Tonios Arbeitszeit war zwar noch lange nicht vorbei, doch saßen wir schon seit Stunden zusammen. Er hatte seine alberne Schürze abgelegt und seinem Chef erklärt, dass er morgen länger arbeiten würde. Wogegen der nichts hatte, denn noch war nicht Sommer, noch waren nur wenige Touristen da, noch war Zeit ein sardischer Begriff und damit nicht relevant.

Eine ewige Liebe

Erst, wenn die Küste wieder von sonnenhungrigen Besuchern bevölkert ist, müssen alle im Tourismus wieder parieren, „aber doch nur für eine paar Monate“, wie Tonio denn auch wegwerfend kommentiert. „Sag mir,“ will er wissen, „warum bist du nicht hier auf der Insel geblieben?“ Dass er damit eine Frage artikuliert, die sich mir in folgenden, manchmal nicht ganz unproblematischen Zeiten immer wieder aufgedrängt hatte, ahnt er vielleicht. Und auch auf meine Antwort nickt er. „Für eine neue Liebe.“ „War sie es wert?“ „Ja“, bekenne ich, füge aber hinzu, dass sie dennoch nicht gehalten hat. Da strahlt Tonios Mimik auf: „Aber die Liebe zu Sardegna ist ewig, nicht wahr?“ „Si, Tonio, eterno!

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Kulinarisches Barcelona….. Sardinien „non solo mare“ ….

1 Kommentar Add your own

  • 1. gabi stockmann  |  Mai 27, 2011 um 12:53 pm

    sardinien gehört zu meinen all-time-favorites! vor allem den süden und die stadt cagliari sind der inbegriff all meiner urlaubsträume!
    lg gabi

    Antwort

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